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Mike

Meine letzten Geschichten im CG – Adventskalender begannen immer mit dem Verlust eines Hundes. Da wir überwiegend alte Hunde aufnehmen, müssen wir diesen letzten Gang leider häufig antreten. Wenn jemand ging, blieb das Körbchen nie lange ungenutzt. Zu viele Hunde sind auf der Suche nach einem Platz.

Nicht so bei Mike.

Alles lief rund, Kenai ging es relativ gut, Opa Marlowe hatte sich nach einem Jahr toll eingelebt und genoss das Leben, Mathilde wurde langsam aber sicher alt mit ihren fast 16 Lenzen, hatte aber nach wie vor das Sagen in der Truppe. Es bestand also gar keine Veranlassung, nach einem neuen Hund Ausschau zu halten.

Aber wie das Schicksal es so will, sah mein Mann bei Facebook einen Beitrag über die Hunde im staatlichen Tierheim in Roman in Rumänien. Leider kümmern sich die Betreiber dieses sogenannten Kill–Shelters einen Dreck um die Hunde, die nach kurzer Zeit auf unglaublich brutale Art getötet werden.

Dort saß nun unser armer Tropf und wartete. Groß, dunkel und unscheinbar. Für die kleinen niedlichen fanden sich natürlich schnell Stellen, nur für Mike nicht.

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Mein Mann sprach immer häufiger von ihm und eines Tages stellte sich die unausweichliche Frage: Schaffen wir einen vierten Hund?

Nein! Nein, nein und nochmal nein!
Ich war, wie immer bei einem Neuzugang, erst einmal dagegen.
Hatte ich mich doch schon bei unserem ersten „Dritthund“ Mathilde mit Händen und Füssen gewehrt (und letztlich Gott sei Dank verloren), wehrte ich mich bei unserem „Vierthund“ noch vehementer.

Zudem war mir die deutsche Organisation, die ihn vermittelte, mehr als suspekt.

Ich bin für „Auslandstierschutz“, aber bitte mit Sinn und Verstand!

Dazu gehören für mich auch eine vernünftige Aufklärung der neuen Hundehalter, eine wahrheitsgemäße Beschreibung des Hundes und eine entsprechende Reisevorbereitung.

Davon war leider nicht viel zu merken.

Und natürlich spulte ich meine üblichen Bedenken ab. Arbeit, Zeit, Geld...

Letztendlich einigten wir uns auf einen Kompromiss.
Wenn Mike gesund und sozialverträglich ist, dann soll er als Pflegehund kommen und, hoffentlich, schnell vermittelt werden.

Damit konnte dann sogar ich ganz gut leben. Durch eine berufliche Neuorientierung hatte ich auch genug Freizeit, um mich ausreichend um einen weiteren Hund zu kümmern.

Da mir die deutsche Organisation noch immer nicht ganz geheuer war, nahm ich direkt Kontakt mit der rumänischen Tierschützerin auf und fragte ihr Löcher in den Bauch.

Nachdem mir zum gefühlt 100sten Mal versichert wurde, dass er sowohl gesund, geimpft, kastriert als auch absolut verträglich war, schwanden meine Bedenken und ich sah dem Tage seiner Ankunft recht gelassen entgegen.

Getreu dem Motto: Wir schaffen das!

Jo, guter Wille allein zählt aber nichts, das durfte ich dann auch recht schnell merken.

Eine Woche vor Mikes großer Reise erlitt unser Herr Marlowe ein Vestibulärsyndrom. Leider sehr ausgeprägt, und wir verbrachten die letzten Tage zu fünft in einer Mischung aus Hoffen und Bangen um unseren alten Mann.

Dazu kündigte sich bei Mathilde ihr Zyklus an. Bei ihrer Kastration in Polen wurde scheinbar Gewebe übersehen und sie blutete zwar nicht mehr, die Hormone waren aber da. Das veranlasste sie dazu, sich den Kennymann als potenziellen Vater ihrer Welpen auszuwählen. Dieser sprang selbstverständlich sofort darauf an und verfiel seinerseits in einen regelrechten Hormonrausch.

Ich sprang also nur noch zwischen Marlowe, der Hilfe benötigte, und den beiden Liebeskranken, um sie auseinander zu dirigieren, hin und her. Perfekte Voraussetzungen für einen weiteren Hund, nicht wahr?

Kurz vor Mikes Abreise zweifelte ich an dem Vorhaben. Marlowe ging schließlich vor, und dem ging es alles andere als gut. Aber Mike und die rumänischen Tierschützer im Stich lassen? Nein, das konnte ich nun auch nicht. Es würde schon alles klappen.

Dann kam Mike!

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Mike trat dem Menschen von Anfang an sehr wohlgesonnen gegenüber. Er war aufgeschlossen und nett. Natürlich war er nach der langen Reise durch den Wind aber er zeigte gleich sein großes Vertrauen und Herz... und setzte meinem Mann als erstes einen großen, stinkenden Haufen mitten ins Auto.
 *lach*

Dann lernte er unsere Meute kennen. Immer ein etwas aufregender Moment.
Stimmt die Chemie? Passt alles?

Ich kenne ja meine Bande und wusste, dass sie ihm freundlich gegenüber treten. So nervig sie auch manchmal sein können, in dieser Beziehung war auf sie Verlass. Lediglich Marlowe ließen wir außen vor. Er hatte genug mit sich selbst zu tun und brauchte besonderen Schutz.

Kenny sah Mike und verliebte sich in seinem hormonumnebelten Zustand spontan. Mikes sah Kenny und seine erste Reaktion war ein tiefes Grollen, gefolgt von einer Mischung aus Fletschen und Bellen und dem Versuch einer Attacke.

Du liebe Güte...
Kenny war entsetzt ob der Abweisung, ich auch. Zumindest war ich etwas irritiert. Ich hatte ja keine spontane Erwiderung der Liebe erwartet, aber zumindest ein Mindestmaß an hundlicher Kommunikation.

Aber da war nichts außer totaler Ablehnung. Okay, Versuch abgebrochen. Neuer Versuch mit Mathilde. Da Mathilde das große Hunde–Einmaleins perfekt beherrschte, glaubte ich wieder nicht an Probleme... und sollte auch hier eines besseren belehrt werden.

Auch Mathilde gegenüber benahm sich Mike wie eine Furie, also brachten wir das Ömchen schnell in Sicherheit.

Nun war guter Rat teuer.

Erstes Telefonat mit der Orga, “Tja, da wissen wir auch keinen Rat.”
Nun gut, hatte ich auch nicht anders erwartet. Egal, es war klar, wir mussten trennen. Zusammen ging es nicht.

Also blieb ich mit Mike im Büro, ein paar Minuten von unserem Haus entfernt, und mein Mann fuhr mit dem Rest nach Hause.

Am zweiten Tag dasselbe Bild. Mike wollte keinen Kontakt und machte das unmissverständlich deutlich. Am Dritten, vierten und fünften Tag änderte sich nichts. Beim gemeinsamen Spazierengehen war Mike ängstlich bis aggressiv, alleine war er ein wunderbar toller Hund, der sich schnell anschloss und alles richtig machen wollte.

Auch der Durchfall, der uns seit dem ersten Moment begleitete, wollte einfach nicht besser werden und war auch mit Stress nicht mehr zu erklären.

Der erste Tierarztcheck ergab, wie befürchtet: Giardien.
Nun gut, nicht schön, aber machbar.

Die Giardien verschwanden, der Durchfall blieb. Weiter zeigte sich eine leichte Harn-Inkontinenz und ein Problem mit seinem Rücken.

Und die deutsche Orga?
Verschwand ebenso wie meine Hoffnung auf eine schnelle Vermittlung in der Versenkung.

Wer wollte einen großen, kranken und unverträglichen Hund?
Die Interessenten standen nicht gerade Schlange.

Und wir schliefen abwechselnd auf einer Luftmatratze mit Mike im Büro. Die ganze Situation war mehr als bescheiden, aber alleine lassen ging auch nicht. Der erste Versuch endete mit einer angefressenen Türzarge.

Ich nahm Kontakt mit Mikes ehemaligen Pflegefrauchen in Rumänien auf und erfuhr endlich seine ganze Geschichte:

Mike lebte als Straßenhund in Rumänien und wurde von Lia und ihrer Mutter versorgt. Er freundete sich dort mit einer Katze an und kam ganz gut über die Runden. Zumindest bis zu dem Tag, an dem die Hundefänger ihn erwischten und in das städtische Tierheim verfrachteten.

Lia und ihre Mutter suchten und fanden ihn schließlich dort, leider konnten sie ihn nicht aufnehmen. Sie lernten aber eine rumänische Tierschützerin kennen, die ihnen mitteilte, dass er einen Pflegeplatz in Deutschland hätte, wenn ihn jemand rausholen und für die Ausreise vorbereiten würde.

Das tat Lia natürlich sofort.

Sie erzählte mir, was für ein lieber, verträglicher und freundlicher Hund er war. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, kurz vor seiner Ausreise, als leider ein anderer Hund, viel kleiner als er, ihn massiv attackierte und verletzte.

Natürlich hatte ich die Wunden an seiner Schnauze und seinen Beinen gesehen, aber sie nicht mit seinem Verhalten in Verbindung gebracht.

Nun war klar, mein großer Junge hatte schlicht und einfach Schiss!

Änderte aber nichts an der Situation. Und die war so einfach nicht mehr tragbar.

Und die Orga?
Tja, die tauchte auch weiterhin nicht aus der Versenkung auf...

Also kaufte mein Mann mehrere große Zimmerkennels und verwandelte unser Haus in Fort Knox.

So zog Mike, zwar von den anderen getrennt aber doch dabei, endlich zu Hause ein, und ich war froh, wieder in meinem eigenen Bett zu schlafen.

Mikes Verhalten war eigenartig, und ich brachte ihn einfach nicht mit dem Hund aus den Erzählungen überein. Er war eher desinteressiert an allem, stur wie ein Sack Zement und wirkte immer gehemmt und traurig.

So wenig sich sein Gesundheitszustand auch besserte, sein Gemütszustand war ebenso schlimm.

Langsam kamen sich die Hunde näher und ganz langsam verschwand Mikes Angst vor den anderen.

Den Durchfall bekamen wir trotz allem nicht richtig in den Griff, letztendlich stand eine IBD im Raum.

Gerade als wir dachten, jetzt wird es besser, jetzt bekommen wir seine Gesundheit und seine Psyche in den Griff, starb unsere Mathilde. Unser geliebter Mottenkopf, die Chefin im Rudel, unser lautes und bestimmendes Prinzesschen.

Mike war außer sich.
Bei der Verabschiedung rannte er hilflos hin und her und konnte es gar nicht fassen.

Und wir auch nicht. Hatte er sich doch so an Mathilde gehängt, ohne dass es uns aufgefallen war?

Scheinbar!

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Von weiteren Fortschritten waren wir weit entfernt. Im Gegenteil, Mike war lieb und nett, aber es fehlte ihm weiterhin die Lebensfreude und die Energie, die man bei einem 4-jährigen Hund vermuten würde.

Auch nach 5 Monaten war Mike noch lange nicht gesund. Die Verdauung machte uns nach wie vor Sorgen und das Harntröpfeln wurde auch nicht besser.

So fingen wir an, uns damit abzufinden und natürlich stellte sich die Frage, ob er denn jemals wieder ausziehen würde, denn noch war er lediglich ein Pflegehund.

Und die Orga?
Die war natürlich nach wie vor verschwunden und sah auch keine Veranlassung, sich an den hohen Tierarztkosten zu beteiligen, geschweige denn, sie zu übernehmen.

Es folgten lange und unerfreuliche Gespräche bis feststand:

Mike bleibt!
Haben wollte ihn eh niemand.

Er passte gut in unsere Truppe und die Kosten verbuchte ich unter Lehrgeld. Man sollte sich halt vorher eine seriöse Organisation (ja, auch die gibt es!!) suchen, dann bleiben einem solche Diskussionen erspart.

Nun hatte ich also das, was ich eigentlich nicht haben wollte. Einen großen, kurzhaarigen Hund.
Krank und ohne Spaß und Freude an jeglicher Aktivität.

Aber dafür mit einem großen Herzen. Mike ist freundlich zu jedermann, knutscht mit der Tierärztin und der Postbotin.

Er ist draußen so gelassen, dass ich ihn überall mit hinnehmen kann.

Kurz gesagt, er ist einfach pflegeleicht, wenn dabei auch stur wie ein Esel.

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Seit dem 28.10. lernen wir allerdings einen ganz neuen Mike kennen.
Einen Mike der fordert und spielt. Der eifersüchtig ist und zum Kuscheln auf das Sofa will.
Einen Mike der mit großen munteren Augen durch die Welt läuft und Spaß hat.

Warum?

Weil seit dem 28.10.2017 Eleonore zu uns gehört und ihn gewaltig auf Trab hält.

Aber das, dass ist eine andere Geschichte, die es vielleicht später mal zu lesen gibt.

22.12.2017

24.12.2017


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Oder einen Gutschein über einen Tierheimbesuch im neuen Jahr!

Niemals ein Tier verschenken, ohne zuvor gefragt zu haben, ob es erwünscht ist!!
Eltern sollten sich immer bewußt sein, daß SIE die letztendliche Verantwortung für ein Tier haben und nicht das Kind - Egal ob Hund, Katze oder Meerschweinchen und egal, was man vorher sagt!!

 

 

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