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Lumpes

Als Gassigängerin im Tierschutzzentrum Dortmund scanne ich seit Jahren die Neuankömmlinge beim regelmäßigen Durchgang in eigene Kategorien.
Mit der Zeit bekommt man ein Auge dafür, welche Hunde den Besuchern zuerst auffallen, vor welchem Zwinger die meisten Interessenten zuerst stehen bleiben und welche Hunde ich mir gar nicht genauer einprägen muss, weil sie ohnehin nicht lange im Tierheim bleiben müssen.

„Rüde, groß, schwarz, struppig, älter“ gehört leider nicht zu dieser Kategorie, diese Hunde haben es meist schwerer und bleiben länger. Kommen sie dann noch mit einem Koffer voller Probleme ins Tierheim, die ihre Vermittlung zusätzlich zu der derzeit gerade nicht angesagten Optik erschweren, sieht man diese Hunde leider oft nicht nur wochenlang, sondern mitunter monate- oder gar jahrelang.

Lumpes ist einer dieser Hunde.
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Ja, es gibt Hunde, bei denen kommt zum Unglück auch noch Pech dazu, er hatte von beidem gleich mehr als genug.

Bei Spaziergängen lernte ich ihn besser kennen und je näher ich mich mit ihm und seiner Vorgeschichte befasste, umso mehr berührte er mich. Irgendwann fing er an, im Zwinger ständig um sich selbst zu kreisen und dann tat er nichts anderes mehr. Stunde um Stunde zog er wie aufgezogen seine Bahnen um sich selbst, nicht mehr ansprechbar und durch nichts aufhaltbar.

Ich erfuhr, dass schon seine ersten Besitzer ein Hunde- haltungsverbot bekommen hatten, als er 2 Jahre alt war und auch sein letzter Besitzer hat ihn nicht zurück- bekommen. Es lagen Anzeigen wegen diverser Verstöße vor, der Hund wurde verprügelt und immer wieder nachts irgendwo angebunden aufgefunden, von seinem Besitzer dort „vergessen“.

Nachdem mir dann auch noch persönlich zum zweiten Mal von unterschiedlichen Besuchern des Tierheims berichtet wurde, was dieser Hund in der Vergangenheit alles ertragen musste, weil sie sowohl den Vorbesitzer als auch Lumpes kannten, reifte bei mir der Entschluss, dass mein Mitleid allein ihm nicht helfen würde, ich musste aktiv werden.

Also bot ich der Tierheimleitung an, ihn zur Pflege aufzunehmen, bis neue Besitzer für ihn gefunden wurden. Das Angebot wurde schon deshalb gern angenommen, weil allein schon der Anblick des ständig um sich selbst kreisenden Hundes für alle Mitarbeiter schwer zu ertragen war, sich aber bisher auch noch nicht ein Interessent für ihn gemeldet hatte. Daher sollte ich mich darauf einstellen, dass er sicherlich auch länger bei mir sein könnte.

Ich wurde allerdings auch gewarnt, dass er in bestimmten Situationen extrem „unfreundlich“ reagieren würde, auch wenn ich selbst das noch nicht erlebt hatte.

So wären z.B. tierärztliche Untersuchungen nur mit Maulkorb und Sedierung überhaupt möglich, aber auch in anderen Situationen könnte seine Stimmung recht schnell kippen. Da der Auslöser dann rückwirkend nicht einwandfrei geklärt werden konnte, sicherlich kein kleines Problem, aber ich war, wie man so schön sagt, wild entschlossen.

Es musste nur noch ein einziger Punkt geklärt werden, nämlich die Verträglichkeit mit meiner kleinen Plüschmotte U-Shi. Wie immer, wenn ein Notfell bei uns einzieht, die wichtigste Voraussetzung. Sie ist meine pelzige Friedenstaube, mit allem und jedem verträglich. Auf gar keinen Fall werde ich sie jemals der Gefahr aussetzen, dass sie zu Schaden kommen könnte und somit hat sie das letzte Wort.

Bei dem Treffen der Beiden war recht schnell klar, dass Lumpes sofort wusste, wer von den Beiden die Hosen an hat.

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Die Winzigkeit regelt das nur per Blick, aber bei einem Gegenüber mit einer Schulterhöhe von gut 65 cm hätte sie eh keine andere Möglichkeit. Bis jetzt ist das so geblieben und ich bin wirklich sehr froh darüber.

So zog also der „Rüde, groß, schwarz, struppig, älter“ Ende November 2014 zur Pflege bei uns ein. Zu dem Zeitpunkt war ich auch davon überzeugt, für ihn nur eine Übergangslösung zu sein, wirklich und tatsächlich.

Die ersten Wochen waren für ihn genauso anstrengend wie für mich. Ich muss dazu stehen, dass ich mir so manches Mal nicht sicher war, ob ich mich mit meiner Entscheidung nicht doch übernommen hatte. Aber diese Gedanken verflogen meist genauso schnell, wie sie auftauchten, denn er präsentierte sich nicht nur im negativen Sinne als unberechenbar, sondern wenigstens genauso oft positiv unverhofft sanft und liebenswürdig.

Draussen hatten wir die wenigsten Probleme, er war nach wie vor ein netter Begleiter.

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In respektvollem Abstand zu der Lütten erkundeten wir die Umgebung. Mit den meisten Hunden verstand er sich auch an der Leine gut, seine Lieblingsfeinde hatte er aber wie all meine Hunde auch recht schnell ausgesucht.
Nach gut 3 Wochen traute ich mich dann auch, ihn von der Leine zu lassen und er dankte es mir durch ausgiebige Spiele mit Artgenossen, bei denen er so glücklich und unbelastet erschien.

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Wie es aussah, wenn ihn seine Vergangenheit einholte, haben viele seiner vier- und zweibeinigen Fans glücklicherweise bis heute nicht erleben müssen, aber auch ich hätte mir das gern erspart. Denn ich tappte lange völlig im Dunkeln, wie ich ihm helfen könnte, obwohl eine Lösung so profan wie wirkungsvoll war.

Natürlich war ich anfangs geschockt, wenn ich z.B. morgens im Halbschlaf ins Bad torkelte, das Licht anmachte, während ich die nur angelehnte Tür aufstieß und wie im Harry Potter Film ein scheinbar 3köpfiger Hund fletschend und sabbernd vor mir stand, den ich genauso aus dem Schlaf gerissen hatte wie mich kurz vorher mein Wecker. Aber da er dann letztlich noch gurgelnd an mir vorbei den Raum verließ, nachdem ich die Tür durch Rückzug wieder frei gegeben hatte, waren solche Momente schnell unter Eingewöhnungsphase abgehakt.

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Allerdings gab es auch Momente, die mir mehr Sorgen machten, denn es gab auch Situationen, in denen er so schnell zupackte, weil ich seine kritischen Phasen erst viel zu spät erkannte.

Leidvoll musste das auch unser Familienfreund erfahren, der Lumpes netterweise zu einem Tierarzttermin fuhr. Auf dem Rückweg wollte der aufgebrachte Riese nämlich partout nicht mehr ins Auto und als Florian ihn dann mit Nachdruck ins Auto führen wollte, hatte Lumpes schon seine Zähne in die Winterjacke gehauen.

Über den Handylautsprecher konnte ich das vor sich hin wütende Ungeheuer glücklicherweise zum Einsteigen be- wegen und unser Familienfreund erwies sich mal wieder als echter Freund, weil er Lumpes trotz seines Totalausfalls nach Hause fuhr und das Loch in seiner Jacke als Schwund zur Kenntnis nahm.

Eine ähnlich unschöne Auseinandersetzung hatten wir, nachdem ich Lumpes zurückhalten musste, als er mit den Vorderpfoten auf einen Verkaufstresen springen wollte. Seine Attacken mir gegenüber ließen alle Anwesenden kreidebleich zurück weichen.

Wirklich verletzt hat er mich dann, als ich ihm nach einer Narkose das Halsband entfernen wollte und ihn noch im Dämmerschlaf wähnte... Ein sehr schmerzhafter Fehler, aber dann endlich auch die Erleuchtung: Sein Problem war das Halsband!

Ich kann ihm problemlos ein Geschirr anziehen, dabei über ihn steigen, alles in Ordnung. Im Nachhinein fiel mir dann auch wieder ein, dass er schon im Tierheim geknurrt hat, wenn ihm zum Bürsten das Halsband entfernt wurde, aber einen Zusammenhang habe ich viel zu lange gar nicht erkannt.
Mittlerweile lässt er sich auch wieder genüsslich den Hals kraulen, ein Halsband musste er aber nie wieder tragen.

Die Tierärztin untersuchte darauf hin seinen Kehlkopf, der glücklicherweise unverletzt war, fand aber Vernarbungen am Hals, die von sog. Stachelhalsbändern oder gar einem Teletaktgerät stammen könnten. Allerdings war es auch möglich, dass er sich alleingelassen und angebunden bei seinen Befreiungsversuchen selbst stranguliert hatte, wir werden es nie erfahren.
Wichtig ist nur zu wissen, dass er dieses Problem hat und wie einfach man ihm das Leben erleichtern kann.

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Nach den Anfangsschwierigkeiten wurde das Leben mit ihm immer harmonischer.
Er fährt problemlos im Auto mit, er bleibt unter U-Shis Fuchtel in der Wohnung weitest. gehend unsichtbar und auch ein paar Stunden mit ihr allein. Hat er draussen sein Spiel. zeug in der Schnute, interessieren ihn auch andere Hunde wenig, selbst wenn die pöbeln.

Er entwickelte sich quasi zurück zu einem Jungspund, der gutgelaunt eine Energie entwickelt, die man einem so großen, mittlerweile Achtjährigen gar nicht mehr zutraute.
So wurden dann auch auf einem Spaziergang Interessenten für ihn gefunden, die gerade einen Zweit- hund suchten. Sie waren so fasziniert von dem strubbeligen Ungetüm, das trotz seiner Vorgeschichte so unbekümmert, offen und freundlich auf sie wirkte.

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Aber dann schlug das Schicksal bei Lumpes erneut zu, er sollte einfach kein Glück haben.

Ich entdeckte eher zufällig eine Zahnfleischwucherung im hinteren Backenzahnbereich, die entfernt wurde. Eigentlich keine große Sache und so machte ich mir auch keine Gedanken als ich erfuhr, dass das Gewebe eingeschickt wurde.

Als mir dann der Tierheimleiter ein paar Tage später den Befund durchgab, riss es mir den Boden unter den Füßen weg: bösartiger Tumor, hochaggressiv.
Abends rief dann der Tierarzt an, der dringend zu einer erneuten, großflächigeren Entfernung an der betroffenen Stelle riet, wenn nicht bereits Metastasen zu finden wären, was wir nach dem Befund erst abklären mussten.

Es folgte ein gefühlter Alptraum. Lumpes war 8 Jahre alt und hatte doch schon soviel Elend über sich ergehen lassen, wieso jetzt auch noch das?

Eine Vermittlung war damit natürlich vom Tisch. Da die Prognosen der Tierärzte extrem schlecht waren, sollte er nicht auch noch vorher einen Umzug wegstecken müssen und ich hatte das Rauhbein ohnehin schon so sehr ins Herz geschlossen, dass ich ihn nun auch noch selbst nach Strich und Faden verwöhnen wollte, solange er es genießen kann.

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Einen schönen Frühling mit ihm hatte ich mir nach der Diagnose im März 2015 mit ihm noch gewünscht. Wir hatten auch noch einen extrem heißen, aber völlig entspannten Sommer und genießen gerade ausgiebig den schönsten Herbst, den wir seit langer Zeit hatten.

Bei jeder Nachuntersuchung wird mir wieder gesagt, ich solle unverzüglich kommen, falls er das Fressen einstellt, sich Blutungen einstellen, er Probleme beim Atmen bekommt oder sonst irgendwie auffällig wird, aber bis heute lebt er sein Leben, als hätte er nie Probleme gehabt.

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Es ist so eine wunderschöne Zeit mit ihm und seine „unfreundliche Ader“ kommt nur noch extrem selten zum Vorschein. Er lässt sich aber inzwischen auch sehr schnell wieder auf den Boden bringen, sodass ich selbst davon schon gar nicht mehr beeindruckt bin.

Er ist ein Freund geworden, unser oller Lumpensack, der nicht nur uns beeindruckt.
Auf der Hundewiese bringt er alle zum Lachen, wenn er sich gerade mal wieder von einem Welpen im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Kopf rumtrampeln lässt oder mich scheinbar gar nicht mehr kennt, weil irgendwo am Horizont jemand einen Ball wirft, der selbstverständlich für ihn sein muss.

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Wahrscheinlich würde mich letzteres ärgern, wenn seine Tage nicht gezählt wären. Aber so haben wir alle Spaß daran, dass er sogar schon einige Junghunde angelernt hat, wie man seine Besitzer ignoriert, wenn man dringend spielen muss. Sie jagen dann alle zusammen so unbekümmert durch das Gras, dass es einfach nur genießen muss.

Wenn er dann irgendwann zur Ruhe kommt und sich entspannt ablegt, strahlt er soviel Ruhe und Zuversicht aus, dass es ansteckend ist.

Vielleicht hat er ja doch noch mal Glück in seinem Leben und uns bleibt mehr Zeit als wir ahnen. Ich weiss es nicht, habe aber beschlossen, es so zu machen wie er:

Jeden neuen Tag als Geschenk nehmen und zu genießen. Es gibt so viele Kleinigkeiten, die plötzlich ganz groß werden, nur weil sich der Blickwinkel verändert hat.
Es geht ihm gut und deshalb geht es uns auch gut, eigentlich ganz einfach.

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Um wieder an den Anfang der Geschichte zu kommen:
Er hat nie wieder Kreise um sich selbst gezogen, seit er das Tierheim verlassen hat, sondern sich wieder geöffnet.

Wir sollten viel häufiger das Leben durch die Augen eines Hundes betrachten, den das Leben so gebeutelt hat und der trotzdem nicht aufgibt. Auch oder gerade, wenn es aussichtslos erscheint.

24.12.2014

02.12.2015


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Oder einen Gutschein über einen Tierheimbesuch im neuen Jahr!

Niemals ein Tier verschenken, ohne zuvor gefragt zu haben, ob es erwünscht ist!!
Eltern sollten sich immer bewußt sein, daß SIE die letztendliche Verantwortung für ein Tier haben und nicht das Kind - Egal ob Hund, Katze oder Meerschweinchen und egal, was man vorher sagt!!

Alles für Euer Tier! 

  

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