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Wurst

Es war einmal eine „arme Wurst“

Dreieinhalb Jahre hab ich nach dem „richtigen Zeitpunkt“ für den nächsten Hund gesucht und irgendwann resigniert festgestellt, dass ich mein Leben nie perfektioniert kriege. Und wenn eigentlich jeder Zeitpunkt falsch ist, dann kann frau ja mal vorsichtig rumschauen auf den Vermittlungsseiten von Tierheimen und Kleinanzeigenportalen.

Und wie immer war es die Suche nach der „eierlegenden Wollmilchsau“, diesmal zusätzlich noch mit dem Punkt „katzenverträglich“ auf die Spitze getrieben, da im Freundeskreis in drei Haushalten Samtpfoten leben.

Hunde gibt es viele, aber die meisten fielen von Größe, Körpergewicht und oder Alter gleich raus, von den restlichen waren dann viele was für Spezialisten oder eben nicht katzenverträglich oder konnten nicht alleine bleiben oder kläfften oder...

Irgendwann tat sich dann in einem TH in der Nähe was auf, hingeschrieben hatte ich wegen eines anderen Hundes. Vorgeschlagen wurde mir ein Langzeitinsasse in der Rückantwort – den Hund, für den ich mich interessierte laut Internetbeschreibung bekam ich dort bei mehreren Besuchen nicht zu Gesicht.
Und der, den man mir vorgeschlagen hatte, dem fehlte einfach irgendwie das „der hat was-Gen“, der Funke sprang nicht über und dass Herr Hund ungern spazieren ging war nun so prickelnd auch nicht.

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Parallel dazu fand sich dann ein ähnlich aus- sehender Mix in den Kleinanzeigen und irgendwas an den Bildern sprach mich an (Sagte ich schon, dass ich ein untrügliches Gespür für Ärger habe?).
Ein paar Mails weiter war klar, den schaue ich mir auch an, auch wenn die Fahrstrecke doch einiges an Zeit und Kilometern bedeutete.

Vor Ort tat mir der kleine Kerl einfach nur leid. Irgendwie gefiel mir die gesamte Art von Tier- schutz nicht so recht; gesundheitlich stand Herr Hund für mich lange nicht so rosig da wie angepriesen und die Umgebung war auch nicht so meins.
Ich schob’s auf meine perfektionistische Ader und drückte die innere Ignorier-Taste.

Um einen Kennenlerntermin mit den „wichtigsten“ Katzen hinzukriegen hieß es Schutz- vertrag unterschreiben und bezahlen – mein ungutes Gefühl wurde stärker und von mir gekonnt ignoriert.

Der angeblich so problemlose Autofahrer erwies sich als begnadeter Sänger und Randalierer, mir klingelten schon nach wenigen Kilometern die Ohren und ich drehte lieber die Heizung etwas höher und das Fenster etwas runter um den Innenraum wenigstens etwas schallzuentlasten.

Aber die Katzen ignorierte er tatsächlich, allerdings heftete sich Herr Hund, der da schon gedanklich die „arme Wurst“ war, mit einer Vehemenz an meine Fersen, dass mir für das Alleinebleiben nur ungutes schwante. Ich drückte kurzerhand einmal mehr die innere Ignoriertaste.

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Aber nun gut, alles in allem hatte sich die Sucherei nun eh so lange hingezogen, dass für die nächsten Wochen nicht an eine endgültige Übernahme zu denken war. Also Hund wieder zurück gekarrt und sich auf später verabredet, klar, dass die Futter- und Tierarztkosten nun bei mir ankommen würden, frau gönnt sich ja sonst nichts.

Irgendwann war es dann tatsächlich so weit und der kleine Kerl konnte abgeholt werden, erneut erwies sich die Autofahrt als etwas anstrengend für die menschlichen Ohren.

In den nächsten Tagen zeigten sich völlig unerwartete Probleme. Herr Hund wollte schon mal nicht alleine neben dem Bett geschweige denn in einem anderen Raum schlafen und verursachte mit seinen unermüdlichen Versuchen, das Bett zu entern, andauernde Schlaflosigkeit.

Und auch an der Katzenfront tat sich Unbill auf, allerdings nicht durch Herrn Hund, der wurde Opfer.
Frau Katze war nämlich der Meinung „so was brauchen wir hier nicht“ und lauerte dem armen Kerl bei jeder Gelegenheit auf um ihm hinterrücks eine mitzugeben.
Als eine Kralle dann gar in seinem Nasenrücken stecken blieb, flog ihr mal ein Schlappen hinterher – müßig zu sagen, dass sie das gar nicht beeindruckte. Der Herr Kater war deutlich gelassener, nur wenn er heimlich eine Nase voll „-hund“ einsog, sagte sein Blick „nehmt weg das Stinketeil, sofort!!“

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Menschen sind mitunter gemeine Wesen wie Herr Hund bald feststellte, denn urplötzlich stand eine geräumige Hundebox neben dem Bett und zur Schlafenszeit ging das Türchen zu. Etwas Randale später schlief ein erschöpfter Hund ein – der war nämlich mindestens so übermüdet wie die Zweibeiner.

Richtig spaßig wurde es dann mit dem Punkt Alleinebleiben, ja nicht mal dran denken, nicht mal für ne Minute. Umgehend wurde lautstark zur Randale in der Wohnung geblasen.
Bevorzugt wurden Fensterbretter abgeräumt und Türblätter mit Krallen massakriert, dazu kamen Töne aus dem Kleinteil, dass man hätte glauben können, irgendein unheimliches Mythologie-Wesen sei zu neuem Leben erwacht.

Das ging mal gar nicht und führte zu regem Email-Verkehr mit der Vermittlerin, die sich das mal gar nicht erklären konnte. Einzige angebotene Option war, Rückgabe des Hundes bei vollkommenem Verlust der Vermittlungskosten. Das hat frau dann von fleißigem Drücken der inneren Ignorier-Taste...

Jetzt war guter Rat teuer, denn es gab da einfach regelmäßige längere Abwesenheiten, die Hundepensionen der Umgebung winkten ab, überlastet, voll, müsse man lange vorher planen etc.

Knapp vor kurz (Rückgabe) erbarmte sich dann aus dem Umfeld eine andere Hundebesitzerin; das Kerlchen könne in der Zeit bei ihr bleiben, er müsse halt schauen, wie er mit ihren deutlich agileren Hunden klar komme.
Es blieb bei dieser Ansage, denn letzten Endes guckte er kurz nach Ankunft immer dermaßen jämmerlich, dass er den Rest der Betreuungszeit wann immer möglich von Schoß zu Schoß weitergereicht wurde.

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Oder alternativ an sonnigen Tagen Stellung auf der Stufe zum Haus bezog und sich nach Kräften in der Sonne durchwärmen ließ.

Gesundheitlich erwies er sich in der Tat als „Großbaustelle“; dem angeblich zahnsanierten Hund zog die Tierärztin den ersten Wackelzahn zehn Tage nach Übernahme ohne Narkose; einfach Zange angesetzt und plopp fehlte dem komplett überraschten „Wursti“ ein Frontzahn. Und nachdem er anschließend noch „zur Ader gelassen“ wurde, um mal einen ersten Überblick zu kriegen, fand er diesen Besuch absolut nicht wiederholenswert.

Die Laborergebnisse bestätigten was meine Nase längst geargwöhnt hatte:
Die Nierenfunktion von diesem Hund ist dann eher „nun  ja“ und die Lebenserwartung wohl so lange nicht mehr.
Es blieb nicht bei diesen schlechten Nachrichten...

Die Augentierärztin nahm sich lange Zeit für eine ausgiebige und intensive Untersuchung. Viele Tests führte sie durch; das Ergebnis aber auch hier schlimmer als befürchtet:
Das eine Auge wie geargwöhnt blind (soviel zu „der sieht da noch“), der Augendruck zu hoch, das andere Auge mit einer Entzündung tief am Augenhintergrund, mit Sicherheit schmerzhaft; das Sehvermögen auch hier beeinträchtigt, vermutlich nur Schatten.

Ein Abo auf viele weitere Besuche hatten wir damit gewonnen, auch täglich x-fach Augentropfen und Co.
Und auch dieser Tierärztin fiel auf, dass es mit dem Hörvermögen offensichtlich auch nicht mehr weit her war...

Das erklärte nun vieles. Seine Unfähigkeit, Frau Katze weiträumig aus dem Weg zu gehen bzw. sie lauernd irgendwo rechtzeitig wahr zu nehmen. Und irgendwo auch seine furchtbare Anhänglichkeit, denn wie musste es schon sein, fast taub und so gut wie blind in einer Welt, in der irgendwo ein prügelndes Monster und andere Gefahren auf kleine Hunde lauerten?

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Meine Meinung von einer gewissen Art von Tierschutz ist übrigens jetzt noch schlechter als vorher...

Ansonsten aber war der „Herr Wurst“ ein absoluter Schatz, liebenwürdig zu allem und jedem, wobei andere Hund bzw. Tiere ihm insgesamt am Pöppes vorbeigingen. Er sah sich am liebsten irgendwo auf einem Schoß, gekrault oder nicht gekrault, Hauptsache warm und sicher aufgeräumt untergebracht.

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Er ging überall mithin oder besser: ließ sich überall mit hinschleppen, für viele Unter- nehmungen waren die Beinchen entweder zu kurz oder zu alt, so dass er schon bald einen imaginären Hochhebegriff zu haben schien.

Mit größter Selbstverständlichkeit fuhr er irgendwann stundenlang entspannt in seiner Box Auto (my home is my castle, auch wenn’s irgendwie schüttelt), er ließ sich über Hängebrücken oder Alp-Traufgänge schleppen, hockte auf Ablageflächen in Seilbahnen und Gondeln, fuhr Zug und schlief in Pensionen, Restaurants oder sonst irgendwo.
Er war beim Rockkonzert, auf Motorradtreffen und blieb sogar beim Geräusch des ab- hebenden Heißluftballons ungerührt.

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Selbst bei einem Ausflug auf die Zugspitze konnte man ihn lässig auf die Brüstung platzieren, er blieb in der Sonne liegen als wäre es das Normalste der Welt. Nur auf den nackten Boden liegen, das konnte er nicht...

Nachts blieb die Box irgendwann offen, wachte er auf, rauschte er aus der Kiste, schoss ein paar Schritte nach vorne, bremste sich ein, machte Männchen um zu sehen, ob der Zweibeiner auch noch brav im Bette schlief und trollte sich wieder in seine Kiste (bis zum nächsten Aufwachen, dann ging’s wieder von vorne los).

Eine geschlossene Schlafzimmertüre sorgte dafür, dass Frau Katze ihm nachts nicht ans Fell konnte – sie hatte nämlich angefangen unterm Bett lauernd darauf zu warten, dass er zum Kontrollieren aus der Box schoss und ihm dann gekonnt eine gezündet.

Alleine bleiben ging aber nach wie vor nicht, dingfest gemacht in seiner Box durfte man bei der Heimkehr damit rechnen, dass sich die Box mindestens um einige Zentimeter vom Fleck bewegt hatte, so heftig randalierte er.
Und nachlässiges Boxenschließen war dann fatal – im Auto entkam er einmal, weil die Begleitung gedacht hatte, einen Riegel (von zweien) umlegen reiche.
Es gab keine unverschmierte Scheibe, das Lenkradschloss war eingerastet, der Warn- blinker an und nichts lag mehr da, wo es vorher gewesen war, dafür lag Herr Wurst vorne auf dem Armaturenbrett...
 
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Und dann ging alles irgendwie ganz schnell.
Anzeichen von zunehmender Verwirrtheit traten fast zeitgleich mit motorischen / sensorischen Problemen der Hinterhand auf. Er wurde in sich unruhiger, tapste Phantom-Geräuschen hinterher, lief x-fach suchend an einem durch ohne einen wahrzunehmen, vergaß das Fressen oder fiel hinten einfach um, wenn er abgesetzt wurde.

Es vergingen keine drei Wochen von den ersten Veränderungen bis hin zu jenem Tag, als ich mit ihm um den Block wollte und er sich nach einigen Metern einfach setzte mit diesem Gesichtsausdruck, der jeden Zweifel in mir beendete.

Ein paar Stunden später standen wir beim Tierarzt, den Termin hatte ich Tage vorher vereinbart, allerdings da voller Hoffnung, es gäbe noch was zu heilen.
Der Arzt untersuchte lange, gründlich und sehr wortkarg, sein Fazit war ernüchternd. Die Anzahl der Baustellen hatte sich vervielfacht, neurologische Ausfälle an der Hinterhand, Schmerzempfindlichkeit am Oberbauch, ein Problem an der Luftröhre und am schlimmsten das Nierenproblem, das nicht mehr wegzuriechen war.
Heilung stand nicht mehr zur Diskussion, Aufschieben eigentlich auch nicht, jedwede weitere Verzögerung würde zu Lasten des Hundes gehen.

Und dann war er auf einmal weg, der kleine Herr Wurst, kaum ein halbes Jahr nachdem er gekommen war.
Vermisst haben wir ihn alle schrecklich und staunten bald darauf, wie perfekt das Timing dieses kleinen Hundes gewesen ist, denn alles, was danach geschah, wäre mit Hund nur schwer machbar gewesen.

Ach Wursti, mein kleiner, kluger Hund...

08.12.2015

10.12.2015


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