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Bosnien-Herzegowina
Herbst 2007

Das erste Kastrationsprojekt an Streunerhunden in der Geschichte von Bosnien und Herzegowina ist erfolgreich zu Ende gegangen. In diesem Sinne möchte ich die letzten zwei Wochen Revue passieren lassen, welche ich im Rahmen des Kastrationsprojekts miterleben durfte. Es war eine sehr schöne, emotionale aber auch mit vielen Tränen, verbundene Zeit. Die Eindrücke dieser Kastrationswoche werden mich sicher eine lange Zeit prägen, womöglich für immer.

In Zusammenarbeit mit der Veterinärstation Sarajevo und dem Einverständnis des Umwelt- ministeriums startete wir am 01.10.07 das erste Kastrationsprojekt.

Doch bis es überhaupt soweit war, musste vieles organisiert und koordiniert werden. Dazu gehörten, alle Boxen aufzustellen, einen geeigneten Boden für die Boxen, warme Decken usw. zu finden welche den operierten Hunden dienen sollten. Niemand war sich bis zu dieser Zeit bewusst, was genau auf uns zukommen würden.

Das Projekt wurde unter dem Namen Catch-Neuter-Release (Einfangen-Kastrieren-Freilassen) durchgeführt, alles andere waren im nachhinein betrachtet, schicksalhafte Ereignisse. Bevor unsere Ärztin in Sarajevo ankam, mussten wir mindestens 20 Hunde am Vortag einfangen, welche gleich am 01.10.07 kastriert werden sollen.

Laut Ablaufplan sollten täglich 20 Hunde kastriert werden, um somit unser gesetztes Ziel, nach einer Woche mindestens 100 Hunde zu kastrieren, zu erreichen. Mit unserem Hundefänger, der ein ausgezeichnetes Gespür mit dem Umgang dieser wunderschönen Geschöpfe besitzt, machten wir uns auf dem Weg. Ausgerüstet mit einem Betäubungsgewehr und Hundefutter wurden die ersten Hunde von den Straßen von Sarajevo eingefangen.

Zur unserer Überraschung leistetet viele Hunde keinen großen Widerstand beim Einfangen.

Dies zeigte uns wieder einmal, wie zutraulich diese Tiere sind, wobei man doch glauben sollte, dass sie das Leben auf der Straße doch schon längst abgehärtet hat.

Vor allem die Menschen sind es, welche sie mit Steinen bewerfen und auf die Strasse wie einen alten Müllsack zurücklassen. Sie sind es, welche keinen Nutzen mehr an den Hunden sehen, wenn sie eines Tages ausgewachsen und nicht mehr klein und kuschelig sind. Die Menschen sind es, welche die Hundetötungsstation täglich anrufen und sich wünschen, das sie ein Rudel von Hunden „beseitigen“, welche an den Müllhalden Futter suchen, oder gar ihre eigenen Hunde von den Hundefängern abholen lassen, um sich auf diesem Wege einen neuen Welpen anzuschaffen, der sein Leben lang an der Kette fristen soll - Altes wird mit neuem Gut ersetzt!

Die Menschen sind es, die bei einem verhungerten Tier, dass keine Kraft mehr hat sich  von der Strasse zu bewegen, einfach nur wegschauen und es als gegeben ansehen. Es sind wir, welche für das Leid dieser Tiere verantwortlich sind, es Leiden und töten lassen!

Und dennoch, gezeichnet mit allen schrecklichen Erlebnissen, finden all diese Tiere so schnell wieder Vertrauen in uns, obwohl ihnen der Mensch am meisten, zutiefst enttäuscht und verletzt hatte.

Nach langen Gesprächen mit dem Direktor der Tötungsstation haben wir zu unserer Freude erfahren, dass diese mit uns im Zeitraum der Kastrationswoche, kooperieren möchten.

Zum einem werden die von uns kastrierten und mit Ohrmarken markierten Hunde in Zukunft nicht mehr eingefangen und getötet, zum anderen würden sie uns in dieser Kastrationswoche Hunde übergeben, welche sie selbst eingefangen hatten. Diese Hunde würden wir somit vom sicheren Tode retten.

Ich werde niemals den ersten Tag in der Tötungsstation vergessen. Das Büro vom Direktor der Tötungsstation war gerade mal 2 Zimmern entfernt, wo die Hunde gehalten und auch gleichzeitig getötet werden. Während der Verhandlungen mit dem Direktor hörte ich die ganze Zeit das Gejaule, Gebelle und Gewinsel der Hunde. Innerlich weinte und schrie ich!

Und doch versuchte ich äußerlich authentisch und professionell zu wirken um somit auf keinster Weise unsere zukünftige Kooperation mit der Tötungsstation zu gefährden. Ich konnte es nicht mehr erwarten endlich in diesen Raum zu stürzen und die Hunde zu befreien.

Angekommen in diesem Raum  - versetzt es einem jedem normal denkenden Menschen die Sprache. In genau 2 kleinen Boxen befanden sich mehr als 40 Tiere, eine Unzahl von Welpen (welche eine leichte Beute für die Hundefängern sind, aber auch viele alte Hunde, welche mehr keinen Nutzen für Ihre Besitzer darstellen).

Anhand von den Halsbändern konnten wir feststellen, ob es sich um einen reinen „Strassenhund“ handelt oder von nicht mehr „gebrauchten“ Haushund, die oftmals noch ein Halsband tragen. Lediglich 6 Hunde hatten an diesem Tag kein Halsband! Wie Sardinen aufeinander gelegt – ein schrecklicher Anblick der in Worten nicht beschreibbar ist.

Der Anblick dieser Tiere, welche bereits sich selbst aufgegeben hatten, hat sich tief in meinem Herzen gebohrt. Die Boxen befinden sich im gleichen Raum, wo auch die Tiere getötet werden. Somit muss jeder Hund mitansehen, welches Leid ihm als nächstes bevorsteht. Selbst der Direktor bestätigte uns, welche Qual es für die Tiere ist, die Tötung der anderen Hunde mitanzusehen. Laut seinen Aussagen, versagt in dieser Situation bei vielen Hunden das Herz!

Einen Hund nach dem anderen holten wir an diesem Tag aus der Hölle heraus. Viele urinierten aus Angst - als sie das erste mal die weiche Hand eines Menschen spürten. Als letztes, war lediglich eine kleine Hündin in der Box zu sehen. Diese leistete jedoch Widerstand und wollte sich nicht aus der Box bewegen.

Als wir plötzlich entdeckten, dass diese kleine zarte Hündin auf ihren eigenen Welpen saß, sich fest an ihr Baby geklammert hatte und somit versuchte, es von uns Menschen zu beschützen. Plötzlich waren alle in diesem Raum anwesenden Personen für eine kurze Minute leise. Selbst die Hundefänger der Tötung, welche täglich mehr als 40 Hunde umbringen (jährlich 7000 bis 8000 Hunde) waren über diese Situation erstaunt.

Es sind solch wunderschönen Geschöpfe der Erde, denen wir in vielen Hinsichten nie das Wasser reichen können, die sich für einander aufopfern, auch wenn sie dadurch ihr eigenes Leben riskieren müssen… Trotz Ermahnung fotografierte ich die Tötungsstation, das ganze Elend, dass sich nur in einem einzigen Raum abspielte – in der „Hygienischen“ Kommunale von Sarajevo – der so genannten Hundetötung.

An diesem Tag haben wir noch einige Hunde von den Strassen eingefangen, die wir in den aufgestellten Boxen in der Veterinärstation untergebracht hatten. Bis in den Morgenstunden fuhren wir durch die Gassen, um so viele Hunde wie nur möglich für unser Kastrationsprojekt einzufangen. Bis zum letzten Tag des Kastrationsprojekts haben wir einerseits Hunde von der Strasse eingefangen und andererseits übergab uns die Tötungsstation ihre eingefangenen Hunde.
Als unsere Tierärztin Frau Gergana in Sarajevo ankam und sich das ganze Team in der Veterinärstation kennen gelernt hatte, war von Anfang an ein tolles Klima vorhanden, mit Ziel vor Augen, so viele Tiere wie nur möglich zu kastrieren.

Schon am ersten Tag, durften die Ärzten wie auch die Studenten der Tiermedizin aus Sarajevo die professionellen Kastrationen von unserer Ärztin lernen. Alle waren vom Geschick und Können unserer Tierärztin sehr beeindruckt. Dies war für die Tierärzte in Sarajevo, eine einmalige Gelegenheit nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch Kastrationen an Hunden zu lernen. Eine Minderheit von Menschen in Sarajevo, lassen ihre Hunde kastrieren. Demnach kann den Tierärzte in Sarajevo nicht vorgeworfen werden, dass diese noch nicht sehr viel Praxis in Bereich Kastrationen aufweisen können.

Unsere Tierärztin hatte viel Geduld mit jedem Einzelnen und zeigte ihnen innerhalb dieser Kastrationswoche, wie schnelle und professionelle Kastrationen an Hunden durchgeführt werden soll. Im Laufe der Kastrationswoche kastrierte der Tierarzt aus Sarajevo zeitgleich mit unserer Tierärztin und versuchte das gelernte auch praktisch umzusetzen - Mit Erfolg! -  Es wurden im Zeitraum von nur einer Woche mehr als 100 Hunde kastriert!!

Es war für alle beteiligten Personen eine sehr schweißtreibende Zeit, die sich im Endeffekt ausgezahlt hatte. Das Projekt wurde in den Medien von Sarajevo, wie unter anderem im TV, stark publiziert. Ziel war es, dadurch auch eine Sensibilität in der Öffentlichkeit zu erreichen, die in Zukunft viele kastrierte Hunde, die mit einer Ohrmarke verseht sind, auf den Strassen sichtigen werden. Auch soll durch den Werbeträger, die Botschaft an die Öffentlichkeit übermittelt werden, dass diese Tiere gegen Tollwut geimpft und gegen Parasiten gesäubert wurden.

Leider herrschet noch immer Unwissenheit vieler Menschen und Angst, dass die Strassentiere aggressiv sind oder gar Tollwut haben. Aus meinen intensiven Recherchen konnte Tollwut in Bosnien BIS HEUTE an einem einzigen Fuchs nachgewiesen werden! Dies zeigt, dass hier noch ein hoher Bedarf an Aufklärung von Nöten ist! Dennoch mussten wir nicht alle kastrierten Hunde auf die Strassen zurück lassen. Einige Tierliebhaber aus Sarajevo schenkten vielen Hunden ein neues Zuhause. Die einzige Bedingung von unserer Seite war jedoch, dass diese Hunde keine „Kettenhunde“ sein dürfen. Die vermittelten Hunde in Sarajevo werden von unserer Seite ohne Voranmeldung bei den Besitzern besucht.

Solange es Streunertiere in Sarajevo gibt, werden die Hundefänger auch weiterhin die Tiere töten. Ein Tierheim zu bauen, dass jährlich 7000-8000 Hunde aufnehmen kann, ist zur Zeit nicht realistisch und vor allem derzeit! nicht finanzierbar. Demnach ist die EINZIGE Lösung, die Hunde zu kastrieren und die Population der Strassentiere auf diesem Wege zu bremsen!

Zuvor sah ich in einem Hundefänger, welcher sein täglich Brot mit dem Töten von Hunden verdient, einen Mörder. Ja, dies ist er zwar noch immer in meinen Augen, dennoch möchte ich hier einen besonderen Moment im Rahmen der Kastrationswoche hervorheben:

Als unsere Tierärzte fleißig an den Kastrationen beschäftigt waren, kam ein alter Mann, welcher einen großen Karton mit dich trug in die Ordination. Verzweifelt flehte er uns an, der Hündin zu helfen, welche in dem Karton bewusstlos lag. Er erzählte uns, dass sie eine Strassenhündin sei, die er täglich fütterte und die schon seit zweit Tagen versucht ihre Babies zur Welt zu bringen, jedoch starke Schmerzen bei der Geburt hat und die Babies ohne Hilfe nicht zur Welt bringen kann. Das letzte, was der Mann zu mir sagte, war: bitte bitte, rettet diese Hündin und ihre Babies, ich werde alle in meinem Zuhause aufnehmen.

Leider kam für diese Hündin, wie auch für ihre ungeborenen Babies jede Minute zu spät. Der halbe Kopf eines toten Welpen war bereits von außen durch die Öffnung zu sehen, die Hündin musste fürchterliche Schmerzen zuvor erlitten haben, bis sie letztendlich erlöst wurde.

Man möge nun glauben, dass dieser alte Mann ein Tierliebhaber ist, der sogar Strassenhunde füttert und obwohl dieser kein Geld hatte, alle Kosten für die Operation dieses Hundes bezahlen wollte. Als ich dem Mann die traurige Nachricht übermittelte, erfuhr ich, dass er selbst 15 Jahre Hundefänger in der Tötungsstation war. Ich konnte es nicht fassen, dass genau dieser Mann Hunde zuvor tötete und heute einen Strassenhündin füttert und diese sogar medizinisch behandeln wollte.

Er brauchte das Geld um seine Familie zu ernähren, doch heute vieles eingesehen hat und sogar  bereut. Ich kann nicht genau sagen welche Gedankenwege solch ein Mensch hat um letztendlich seine Seele zu reinigen, indem er heute die Tiere retten möchte, anstelle sie umzubringen. Aber dennoch habe ich persönlich gelernt, dass mein Hass nicht primär den Hundefängern gilt, sondern jenen, welche die Tötungsstation jährlich mit 250.000 Euro finanzieren!  - die Regierung!  - welche bis heute nicht eingesehen hat, dass die Tötung an diesen Tieren niemals eine Lösung herbeiführen wird.

Dies lässt sich an der Statistik der getöteten Tiere verdeutlichen, deren Anzahl jährlich konstant bei 7000 bis 8000 getöteten Hunden liegt. Nur durch Kastrationen an diesen Tieren können wir die Population von Streunertieren reduzieren, um letztendlich vollkommen auf die Tötungsstation in Sarajevo zu verzichten.     DIES IST UNSER LANGFRISTIGES ZIEL!!
 
Am Ende der Woche konnten wir alle sagen, dass es eine tolle Erfahrung war und wir vielen Hunden dadurch das Leben gerettet haben. Der Kampf um das Überleben der Welpen wird für die kastrierten Hündinnen nun nicht mehr vorhanden sein.

Viele der Hündinnen waren trächtig oder gar läufig…hier war es nur eine Frage der Zeit bis die ersten Welpen das Licht der Welt in den elenden Gassen von Sarajevo, erblicken. Auch in Zukunft sollen Kastrationen in Sarajevo stattfinden,  zum einem durch unsere Tierärztin Fr. Gergana und zum anderen sollen selbst die Tierärzte in Sarajevo täglich Hunde kastrieren. In spätestens einem Jahr wird der Erfolg auf den Strassen von Bosnien sichtbar sein.

Mariane Ruiz
Projektleitung-Bosnien
Tierhilfe Süden Österreich, Wien

Dieser Text, Bilder und weitere  Informationen sind auf folgender Homepage unter „Bosnien & Herzegowina“ zu finden:

www.tierhilfe-sueden.de

Eingestellt:27.01.2008

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